Psychologische Grundlagen für den Community Aufbau / Community Building

Psychologische Grundlagen für den Community Aufbau / Community Building

Das Bedürfnis nach Community ist so alt wie die Menschheit selbst. Menschen haben sich schon damals in Gruppen zusammengefunden. Das ist wenig verwunderlich, denn wer ohne Strom, fließend Wasser und Supermärkte seinen Alltag bestritt hatte einen großen Vorteil davon sich einer Gruppe anzuschließen.
Die erste unbequeme Wahrheit ist nämlich – der Mensch ist im Kern egoistisch. Das ist nicht so negativ gemeint, wie es in unseren gesellschaftlich konditionierten Ohren klingt. Im Hinblick auf das Fortbestehen der Menschheit ist gesunder Egoismus schlichtweg sinnvoll. Denn es bedeutet, das sich ein Individuum nur dann einer Gruppe anschließt, wenn der Nutzen in dieser Gruppe zu sein größer ist als der, Einzelgänger*in zu bleiben.

Natürlich haben wir uns als Spezies weiterentwickelt. In der Regel müssen wir jetzt nicht mehr mit unseren Clan den Säbelzahntiger bekämpfen und manche von uns überlegen sogar, wie Sie zum Mars übersiedeln können. Unser Gehirn tickt aber nach wie vor wie in der Steinzeit.

Teil einer Community wird nur, wer sich davon einen Vorteil verspricht

Vivian Pein

Das bedeutet – sämtliches menschliches Verhalten ist darauf ausgelegt einen gefühlten Mangelzustand zu beseitigen oder etwas Positives zu gewinnen. Das ist für Community und Social Media Manager:innen praktisch, denn die psychologischen Grundprinzipien hinter menschlichem Verhalten sind gut erforscht. Wer sich mit Verhaltenspsychologie und Motivationstheorien beschäftigt, weiß genau welche Knöpfe er oder sie drücken muss um gewünschtes Verhalten zu erreichen.

Donut Chart mit der Überschrift  "Warum Menschen langfristig Teil einer Community werden" 1% wegen der tollen Technik, 99% weil sie sich davon einen Vorteil versprechen

Natürlich kann man diese Prinzipien auch für die dunkle Seite der Macht nutzen, wie wir an so einigen Parteien und Ströhmungen sehen, deswegen möchte ich Euch eine moralische Prämisse mit an die Hand geben. Fragt Euch bitte immer “Wie kann ich das Leben meiner Community, wie kann ich die Gesellschaft ein Stück besser machen”?
Seid Euch Eurer Verantwortung bewusst – sowohl Eurer Community gegenüber, als auch den Auswirkungen über diese hinaus.

Die weite Welt der Community Psychologie

Mit der Frage warum Menschen Communitys beitreten und sich in diesen engagieren, haben sich im letzten Jahrhundert viele Forscher:innen und Community Größen beschäftigt. Sagen wir mal so, es gibt sehr viele Theorien, die das Thema aus unterschiedlichsten Perspektiven beleuchten, viele Meinungen darüber welche Theorien welche Relevanz besitzen, oder eben nicht. Ich könnte stundenlang über diesen Diskurs und die Stärken und Schwächen der jeweiligen Theorien schreiben. In diesem Artikel möchte ich jedoch die wichtigen Grundprinzipien vorstellen, bei denen nicht nur der größte Konsens besteht, sondern die empirisch belegt und in der Praxis erprobt sind.

Was Menschen motiviert Teil einer Community zu werden und zu bleiben!

Es gibt einen bunten Blumenstrauß an möglichen Motiven warum ein Mensch in einer Community vorbeischaut, die Inhalte konsumiert und sich vielleicht auch anmeldet. Neue Mitglieder zu gewinnen ist im Vergleich noch relativ einfach. Diese langfristig und sinnvoll an eine Community zu binden und zu aktivieren ist die Kür, bei der Psychologie ein gutes Stück helfen kann. In diesem Artikel möchte ich die Grundprinzipien vorstellen, die Community Manager:innen den größten Hebel für eine dauerhafte aktive Community geben: Identifikation, Zugehörigkeit, Anerkennung, Autonomie und Sicherheit

Identifikation und Zugehörigkeit als Grundlage für Community Building

Zugehörigkeit ist ein starker Treiber für menschliches Verhalten, für unser Wohlbefinden und für unsere Emotionen. Zugehörigkeit ist einfacher, wenn ich mich mit einer Gruppe identifizieren kann. Ob ich mich mit einer Gruppe identifizieren kann oder nicht entscheidet darüber, ob ich dieser beitrete und in dieser interagiere. Der Grund dafür ist einfach. Wir Menschen gehen davon aus, dass wir unter Gleichgesinnten mehr Akzeptanz finden ohne uns verstellen zu müssen. Deswegen ist „Sind die wie ich? Mögen die mich?“ die unbewusste Gretchenfrage, bei deren Beantwortung Ihr Euren Community Mitgliedern helfen müsst.

Community braucht Nische

Einfachste Möglichkeit ist hier die Zielgruppe so nieschig wie möglich zu definieren. Wieso? Ihr müsst Euch ganz genau mit den Bedürfnissen, Werten, Zielen und Gefühlswelten Eurer Community auseinandersetzen, damit Ihr die Erlebnisse schaffen könnt, die Menschen ein Gemeinschaftsgefühl geben. Ich spreche dabei gar nicht mal von gemeinsamen Events und Ritualen, oder Sprache und Symbole. Identifikation wird schon durch die Momente gefördert in denen wir denken “Ach, das kenne ich” oder “Ach so bin ich auch”. Je schärfer Ihr Eure Community definiert, desto eher findet Ihr diese gemeinsamen Aha-Erlebnisse. Wisst Ihr was noch mehr Identität schafft? Klare Abgrenzung und ein gemeinsames Feinbild. Ob Düsseldorfer gegen Kölner oder Millenials gegen Boomer, jede Community hat eine Gruppe als Antagoisten und den zu identifizieren und die Unterschiede klar zu benennen schweißt zusammen.

Text auf dem Bild: Kunde: Das ist eine Kathastrophe wenn die Deadline nicht gehalten wird. 
Darunter zwei genau gleiche Weltkugeln mit dem Text darüber.
"Welt vor der Deadline" Welt nach der Deadline"

Letzteres ist das Erfolgsgeheimnis des Accounts “Agentur Boomer”, die innerhalb kürzester Zeit mit Memes rund um das Agenturleben mit Boomern zehntausende Menschen auf Instagram zusammengebracht und dazu einen aktiven Slack Kanal etabliert haben. Warum das so schnell ging? Weil die sich Beiträge wie ein Lauffeuer verbreitet haben, weil der “das kenn ich” Effekt so groß war und die Memes tausendfach geteilt wurden.

Genau das Gegenteil ist im übrigen für On-Domain Communitys zu empfehlen. Je Kleiner Ihr anfangt und je exklusiver der Zugang ist, desto größer ist das Zugehörigkeitsgefühl und die Identifikation mit der Community. Ganz einfach weil die Mitglieder sich gebauchpinselt fühlen, weil Sie Teil von Etwas sein können und andere nicht.

Anerkennung stärkt Community Mitglieder

Wenn Ihr richtig gutes Community Management machen wollt, lohnt es sich generell sich mit dem Thema Psychologie und insbesondere Motivation auseinanderzusetzen. Denn egal wie toll Eure Marke ist, hinter allem was Eure Community Mitglieder tun steht immer die Motivation ein Bedürfnis zu erfüllen. Wir haben eben schon gelernt dass Identifikation & Zugehörigkeit starke Motivatoren dafür sind, dass Menschen einer Community beitreteten und sich regelmäßig in dieser engagieren. Die weitere große Sehnsucht, die jeder Mensch hat, ist die nach Anerkennung. Um Anerkennung zu bekommen, müssen wir sichbar sein, uns darstellen oder von Dritten dargestellt werden. Genau hier liegt eine Chance für Community Manager:innen. Ihr müsst Euren Mitgliedern die Gelegenheit geben zu strahlen, eine Bühne bieten und für möglichst viel positive Reaktionen sorgen. Zwei einfache Tricks sind hier:

  1. Keine wünschenswerte Aktion ohne Reaktion
    Sorgt dafür, dass es keine Beiträge ohne Reaktionen gibt! Gerade wenn ein Mitglied seinen ersten regelkonformen Beitrag in einer Community leistet, muss es dafür eine Rückmeldung bekommen. Und sei es nur ein Like, ein “Danke für Deine Rückmeldung” oder eben ein Emoji, wenn es zur Markensprache passt. Wenn die erste Interaktion unbemerkt bleibt, sinkt die Wahrscheinlichkeit dass sich dieser Mensch jemals wieder engagiert rapide.
  2. Gebt Euren Mitgliedern eine Bühne
    Die zweite Möglichkeit ist Mitglieder gezielt ins Rampenlicht zu holen. Sei es weil Ihr die Person gezielt auf Ihre Expermse für eine Frage ansprecht, oder einfach durch das regelmäßige Featuren von Community Mitgliedern. Eine der Erfolgsstrategien von Instagram, die von Beginn an regelmäßig spannende Profile vorstellen. Inhalte über die Community sind sowieso immer die erfolgreichsten Inhalte.
Einer der ersten Mitarbeiter bei Instagram war ein Community Manager, der regelmäßig gute Accounts aus der Community vorstellte. Eine Taktik, die Instagram bis heute erfolgreich nutzt.

Selbstwirksamkeit stärkt die Bindung an eine Community

Langfristig ist das Ziel einer richtigen Community, dass diese sich weitestgehend selbstreguliert. Dafür müsst Ihr es schaffen der Community so früh wie Möglich ein Gefühl von “das ist hier meine Community” zu vermitteln. Ein starker Hebel ist hier Selbstwirksamkeit, auch Autonomie genannt.

Ein Gefühl von Selbstwirksamkeit, also der Gedanke „ich kann hier was bewegen oder bewirken“ ist generell ein Mittel um mehr Bindung und Verbindung mit der Community zu schaffen. Deswegen ist es so wichtig Eurer Community dieses Gefühl zu geben, zu vermitteln dass Sie Einfluss haben und sei es nur im Kleinen. Ganz einfache Taktiken sind hier, die Community nach Ihrer Meinung zu fragen. Formuliert geplante Veränderungen als Vorschlag, den Ihr mit der Community diskutiert. Gebt Auswahlmöglichkeiten, was Sie besser finden, oder die Möglichkeit selbst Vorschläge und Ideen einzubringen. Der Mechanismus dahinter ist im übrigen auch der Grund dafür, warum interaktive Inhalte auf Instagram & Co mit die höchste Interaktion bringen.

Community Mitglieder nach ihrer Meinung zu fragen, verstärkt das Gefühl von Selbstwirksamkeit

Sicherheit ist die Grundlage für Community Building

Menschen brauchen Sicherheit um in einer Community zu interagieren. Eine respektvolle Kommunikationskultur das Geheimnis für eine gute aktive Community. Deswegen ist es so unglaublich wichtig Verhaltensregeln für eine Community zu definieren, transparent zu kommunizieren was passiert, wenn sich jemand nicht daran hält das dann konsequent durchzusetzen! Da unterscheidet sich die Community Arbeit wenig von Kindererziehung! Die Community wird Ihre Grenzen austesten und wer hier nicht konsequent eben diese setzt oder selbst ausfallend reagiert, verliert schnell den Respekt.

Community Manager:innen sind Vorbilder für die Community

Seid Euch Eurer Vorbildsfunktion bewusst! Wie Ihr Euch verhaltet setzt den Ton in der Community. Wenn Ihr selbst unter der Gürtellinie agiert, Eure Mitglieder anblafft, oder im schlimmsten Falle sogar beleidigt, dann legitimiert Ihr ein solches Verhalten in der Community. Das gleich gilt, wenn ihr Kommentare unmoderiert stehen lasst, oder sogar noch verstärkt. Dieses Niveau Limbo ist gefährlich. Natürlich lassen sich so auch Gespräche am laufen halten, aber irgendwann bleiben so halt nur noch die Mitglieder aktiv, die sonst keiner haben will. Deswegen kann ich Euch nur eindringlich raten, übernehmt die Verantwortung für Eure Kommentarspalten, geht selbst mit gutem Vorbild voran und bleibt insbesondere dann freundlich und sachlich, wenn man Euch anblafft. Das ist Souveränität und Souveränität bringt Euch Respekt von Eurer Community!

Emotionale Sicherheit ermöglicht tiefe Dialoge

Einen anderen Aspekt von Sicherheit ist die emotionale Sicherheit, der Raum für Verletzlichkeit schafft. Auch ein ganz einfaches psychologisches Prinzip – wenn ich mich Menschen gegenüber öffne und Unterstützung bekomme, dann fühle ich mich verbundener mit diesen. Schafft Raum für Verletzlichkeit und geht auch hier mit gutem Beispiel voran. Erzählt von Euch, teilt Eure Erfahrungen und seid Teil der Community. Wir brauchen gerade jetzt viel mehr Räume in denen wir wir selbst sein können, ohne uns zu verstellen, damit wir uns Zugehörig fühlen in dieser großen chaotischen Welt. Gegenseitiger Respekt ist im übrigen auch wie Schmiermittel für gute Dialoge

So, Ihr habt jetzt das Rüstzeug dafür Community Management und damit die Welt ein kleines bisschen besser zu machen, Für mehr echte Dialoge, Beziehungsaufbau und Verantwortung für eine bessere Kommunikationskultur im Netz.

Die Psychologie hinter gutem Community Management

Die Psychologie hinter gutem Community Management

Warum Menschen in einer Community Mitglied werden und bleiben.

Menschen werden nicht Teil einer Community weil sie auf Folgen klicken, oder an einem Event teilnehmen. Was wirklich dazu führt, dass sich bei einem Individuum ein Gefühl von Zugehörigkeit und Identifikation, sowie die Bereitschaft einen Beitrag zu der Gruppe zu leisten, einstellt wird in der Psychologie als „Sense of Community“ beschrieben.
Dieses psychologische Konzept und die positive Auswirkungen auf Communitys On-wie Offline sind hundertfach empirisch belegt und gehören in den Werkzeugkoffer von guten Community und! Social Media Manager:innen. In diesem Beitrag finden Sie einen fundierten Überblick über die Grundprinzipien hinter dieser Theorie und wie wir diese im Community und Social Media Management anwenden können.

Definition Sense of Community

„Sense of Community“, zu Deutsch am ehesten „Gemeinschaftsgefühl“ oder „Gemeinsinn“, ist eine der zentralen Theorien in der psychologischen Disziplin der Community Psychologie*. Der „Gemeinsinn“ ist die Basis dafür, dass Individuen ihre eigenen Ressourcen in den Dienst ihrer Community stellen und sich aktiv für deren Belange engagieren.

Als erster definierte Seymour Sarason den Begriff in 1974[1]. Sarason schrieb dem „Sense of Community“ die folgende Sammlung aus Wahrnehmungen und Verhaltensabsichten zu:

  • Wahrnehmung der Ähnlichkeit zu anderen,
  • Anerkennung einer wechselseitigen Abhängigkeit,
  • Bereitschaft, diese Abhängigkeit dadurch aufrechtzuerhalten, dass man sich gemäß der Erwartungen und Regeln der Gemeinschaft verhält
  • Das zentrale Gefühl Teil einer größeren, verlässlichen und stabilen Struktur zu sein

Aus dieser recht mechanischen Definition entwickelten die Wissenschaftler McMillian und Chavis in 1986[2] eine bedürfnisorientierte Variante. Demnach ist Gemeinsinn geprägt durch

  • Ein Gefühl der Zugehörigkeit der Mitglieder
  • Das Gefühl, dass die Individuen füreinander und für die Gruppe insgesamt von Bedeutung sind und
  • Ein geteiltes Vertrauen darauf, dass die individuellen Bedürfnisse durch die Festlegung auf die Gemeinschaft befriedigt werden.

Auf Basis dieser Definition beschreiben McMillian und Chavis vier Voraussetzungen für die Entstehung und Beständigkeit von Gemeinschaftsgefühl.

Die vier Eckpfeiler von Sense of Community

Die vier zentralen Komponenten für einen „Sense of Community“ sind:

  1. Mitgliedschaft
  2. Einfluss
  3. Integration und Bedürfnisbefriedigung
  4. Emotionale Verbundenheit

Um wirklich einen Gemeinsinn zu schaffen, müssen alle vier Komponenten erfüllt sein. Dabei stehen die Komponenten in keiner Hierarchie und verstärken sich gegenseitig. Im Folgenden erkläre ich alle vier Faktoren und wie Sie diese als Community Manager:in um- und einsetzen können.

Mitgliedschaft – Das Gefühl Teil von etwas zu sein

Mitgliedschaft beschreibt das Gefühl von Zugehörigkeit, also Teil von etwas zu sein und auch dahin zu gehören. Mitgliedschaft hat wiederum fünf Merkmale, an dem Individuen selbige festmachen.

  1. Grenzen
    Unter welchen Voraussetzungen wird ein Individuum Mitglied und wie werden Außenseiter definiert und „rausgehalten“.
  2. Emotionale Sicherheit
    Wenn sich Mitglieder in einer Community öffnen und über Dinge sprechen können, die sie überall sonst nicht ansprechen würden, stärkt das die Bindung an die Community.
  3. Ein Gefühl von Zugehörigkeit und Identifikation
    Mitglieder haben das Gefühl in die Gruppe zu gehören und dass es „ihre“ Community ist. McMillan betonte in in seiner Aktualisierung der Sense of Community-Theorie in 1996er[3] den Faktor “Ähnlichkeiten” als einen der wichtigsten Dynamiken in Communitys. Diesen verstärkten Fokus führte er auf eine Reihe von Studien zurück, die deutlich zeigten, dass die Wahrgenommene Ähnlichkeit zu anderen und Homogenität einer Gruppe zu mehr Bindung und Interaktion führte.
  4. Persönliches Investment
    Wenn Menschen ihre Ressourcen in die Community einbringen, verstärkt das den Gemeinsinn
  5. Ein gemeinschaftliches System aus Symbolen
    Gemeinschaftliche Symbole oder Erkennungsmerkmale, wie zum Beispiel Dialekt, Mannschaftstrikots, oder ein bestimmtes Farbsystem verstärken das Community-Gefühl.

5 Tipps, wie Sie das Gefühl von Mitgliedschaft verstärken

  • Fokus! Definieren Sie Ihr Wunsch Mitglieder so nieschig wie möglich. Verabschieden Sie sich von dem Konstrukt Zielgruppe, erstellen Sie Personas und versetzen Sie sich mit einer Empathy Map in die Schuhe Ihrer Mitglieder.
  • Exklusivität. Stellen sich sicher, dass die Mitglieder in Ihrer Community gut zueinander passen. Definieren Sie Einstiegshürden, statt möglichst schnell zu wachsen. Je exklusiver die Community, desto begehrenswerter ist es Teil der Community zu werden und umso größer ist der Stolz Mitglied der Community sein dürfen.
  • Finden Sie raus welche gemeinsamen Symbole Ihre Community hat. Ob Sprachstil, Bilder, Humorstil – finden Sie raus welche Symbole Ihre Community teilt und machen Sie diese in der Community sichtbar. Ganz egal ob in der Farbgebung, einer besonderen Begrüßungsformel für Neumitglieder oder Insider-Witzen. Der Account Agentur Boomer lebt beispielsweise von den Insider Witzen rund um das Agenturleben mit Boomern.
  • Lassen Sie Ihre Mitglieder „investieren“. Auch hier hilft Ihnen ein Grundprinzip der menschlichen Psyche – je mehr wir in eine Community investieren, desto eher schwerer können wir uns von dieser verabschieden. Das beginnt schon ganz beim Registrierungsprozess. Verwandeln Sie diesen in eine Bewerbung, haben die Mitgliedern, die aufgenommen werden, gleich ein höheres Commitment.
  • Schaffen Sie Raum für Verletzlichkeit. Ein ganz einfaches psychologisches Prinzip – wenn ich mich Menschen gegenüber öffne und Unterstützung bekomme, dann fühle ich mich verbundener mit diesen. Gehen Sie hier mit gutem Beispiel voran. Erzählen Sie von Sich, teilen Sie Erfahrungen und vor allem achten Sie darauf, dass tiefe Einblicke in der Community respekt- und liebevoll behandelt werden. Wie Sie für eine gute Tonalität in Communitys sorgen, lesen Sie hier.

Exklusive Nische leicht gemacht – die Merkmal Methode von Ramit Sethi
Ramit Sethi, Autor und Marketingexperte hat eine sehr einfach Möglichkeit entwickelt, mit der Sie sehr galant Ihre Nische bestimmen und immer weiter eingrenzen können.

Machen Sie eine Liste der wichtigsten Merkmale Ihrer Zielgruppe oder idealerweise Persona. Das können demographische Merkmale wie “weiblich“, sozioökonomische Merkmale wie „in Elternzeit“, Verhaltensbezogene Merkmale wie „ist gerade Mutter geworden“ oder psychographische Merkmale[4] wie „erzieht Bindungsorientiert“ sein.

Sortieren Sie die Liste der Merkmal von den wichtigsten (im Sinne von „am prägnantesten“) zu dem unerheblichsten.
Setzen Sie jetzt die beiden wichtigsten Merkmale in die folgende Formel ein:

[Merkmal 1] + [Merkmal 2] [die Lösung / den Mehrwert, den Sie anbieten] brauchen.

Dabei rauskommen könnte zum Beispiel:
Mutter, die bindungsorientiert erziehen möchte und deswegen unsere Community braucht.

Um die Nische enger zu gestalten, nehmen Sie einfach ein weiteres Merkmal hinzu.
Beispiel: Mutter, die ihr erstes Kind bekommen hat und bindungsorientiert erziehen möchte und deswegen unsere Community braucht.  

Einfluss – das Gefühl etwas bewirken zu können

Die zweite Voraussetzung für „Sense of Community“ ist Einfluss, also das Gefühl in der Community etwas bewirken zu können. Dahinter steht das Bedürfnis dass das eigene Verhalten durch andere Mitglieder der Community validiert wird. Damit das passieren kann, müssen Sie Ihren Community Mitgliedern die Möglichkeiten geben sich einzubringen und zu zeigen.  
Natürlich kann, möchte und wird nicht jedes Mitglied etwas für die Community zu tun. Das ist gar nicht notwendig, denn in den meisten Communitys hat nur ein Teil der Mitglieder die Ambition dazu. Dennoch ist es wichtig, dass Sie den Mitgliedern das Gefühl geben etwas tun zu können, wenn sie es denn wollen würden.

Fünf Tipps, wie Sie das Gefühl von Einfluss verstärken

  • Machen Sie transparent, wie sich Mitglieder einbringen können.
    Schon beim Onboarding muss klar sein, ob und wenn ja wie ein Mitglied einen Beitrag zu der Community leisten kann. Einfache Möglichkeiten sind hier die Einladung zu einer Vorstellung in der Community oder einen Gastbeitrag für das Blog, ein Leitfaden, wie Mitglieder eine gute Rezension für die Community schreiben oder die gezielte Einladung in eine Diskussion.
  • Zeigen Sie Ihren Mitgliedern, dass Sie gehört werden.
    Jeder Beitrag in der Community muss eine Rückmeldung erfahren und sei es nur durch ein „Gefällt mir“, ein „Danke“ oder ein Herz-Emoji wenn es zu der Community-Sprache passt.
  • Geben Sie Mitgliedern die sich einbringen Verantwortung. Beispiele sind hier (ehrenamtliche) Moderationstätigkeiten oder das frühzeitige Einbeziehen in die Weiterentwicklung der Community.
  • Holen Sie Ihre Mitglieder auf die Bühne! Heben Sie gute Beiträge besonders hervor, machen Sie Interviews mit Mitgliedern, machen Sie Veranstaltungen mit Ihren Expert:innen oder gratulieren Sie zu großen Ereignissen. Lassen Sie die Mitglieder Ihren Einfluss in der Community spüren!  
  • Beziehen Sie Ihre Community in Entscheidungen mit ein. Diskutieren Sie Veränderungen mit der Community und lassen Sie demokratisch abstimmen. Wichtig! Holen Sie die Mitglieder, die überstimmt wurden empathisch ab.

Integration und Bedürfnisbefriedigung – die Synergie der Bedürfnisse von Individuum und Community

Wenn sich ein Individuum mit den Werten und Zielen einer Community identifizieren kann und davon ausgeht, dass es mit dieser die persönlichen Ziele besser erreichen kann, ist es auch gewillt seine Ressourcen in die Gemeinschaft einzubringen.

Demnach ist ein weiterer wichtiger Faktor für die Mitgliedschaft und Aktivität in einer Community ist, dass das Individuum sich davon die Erfüllung von Bedürfnissen erwartet. Chavis & McMillian nutzen den Begriff „Bedürfnis“ hier nicht nur im Sinne von Grundbedürfnis, sondern im Hinblick auf emotionale, soziale und Wachstumsbedürfnisse. Was ein Mitglied zur Erfüllung der eigenen Bedürfnisse braucht ist ganz unterschiedlich. Bei manchen Mitglieder werden diese

  • durch einen gewissen Rang oder Status innerhalb der Community erfüllt,
  • durch das gemeinsame Arbeiten an einem Ziel erfüllt,
  • durch eine wahrgenommene, höhere Kompetenz der anderen Mitglieder erfüllt oder,
  • durch den Austausch mit anderen Mitgliedern erfüllt, oder sogar
  • allein durch die Mitgliedschaft in der Community erfüllt.

Ein weiterer wichtiger Faktor für Integration und Bedürfnisbefriedigung ist die Wechselseitige, vorteilhafte Beziehung zwischen Individuum und der Gruppe. Voraussetzung dafür ist eine gemeinsame Zielsetzung und eine überwiegende Übereinstimmung von Werten  und Vorstellungen.

Fünf Tipps, wie Sie mehr Integration und Bedürfnisbefriedigung erreichen

  • Setzen Sie sich mit den Bedürfnissen Ihrer Zielgruppe auseinander! Wenn Sie verstehen, an welchem Punkt Sie die Bedürfnisse Ihrer Zielgruppe mit Ihren Communityzielen zusammen bringen können, haben Sie die Grundlage für eine erfolgreiche Community.
  • Bringen Sie spannende Menschen zusammen. Ob die klügsten Expert:innen in einer Branche, die Überflieger:innen in Ihrem Unternehmen, oder Menschen, die Ikonen in Ihrem Bereich sind. Allein die Ehre mit diesen Persönlichkeiten in einer Community sein zu dürfen, ist für ein paar Menschen ausreichender Anreiz. Andere möchten von diesen Leuchttürmen lernen.
  • Die Herausforderung an dieser Stelle ist die Leuchttürme in Ihrer Community zu halten. Ganz wichtig ist hier der Faktor Wertschätzung. Seien Sie für diese Mitglieder da, versuchen Sie wertstiftende Kontakte zu anderen zu schaffen. Bieten Sie diesen eine Bühne, appellieren Sie durch ein Mentoring-Programm an Ego wie Altruismus, etablieren spezielle Programme für diese Nutzer, oder sorgen Sie mit Ranglisten oder Wettbewerben dafür, dass Sie ihr Wissen (und für manche Persönlichkeitstypen ihre Überlegenheit) zeigen können.  Instagram hat nicht nur als ersten Mitarbeiter einen Community Manager eingestellt, sondern auch von Beginn an ganz besonders viel Wertschätzung für die großen und kleinen „Stars in der Community“ gezeigt.
  • Setzen Sie der Community Ziele, die sie gemeinsam erreichen kann – ob im Großen, oder im Kleinen. Feiern Sie Ihre Erfolge mit der Community. Ein wunderbares Beispiel ist hier der WOL #Frauenstärken Initiative. Sowohl in den Circlen selbst, als auch in der großen Community.
    Eine Collage zum Abschluss von WOL Frauenstärken
  • Machen Sie deutlich, welche Werte Ihre Community vertritt! Je ähnlicher die Werte von Gruppe und Individuum sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mitglied Erfüllung findet. Halten Sie die Werte Ihrer Community zum Beispiel in Ihren Guidelines fest. Ein Muster und den Hinweis auf mehrere gute Beispiele habe ich Ihnen an dieser Stelle zusammengestellt.  

Emotionale Verbundenheit – das Herzstück wahrer Communitys

Emotionale Verbundenheit ist laut McMillian & Chavis das „Herzstück wahrer Communitys“ und gleichzeitig eines der stärksten Bindungselemente. Emotionale Verbundenheit entsteht nicht von heut auf Morgen, sondern auf einer Basis einer gemeinsamen Geschichte des Individuums mit der Community. Dabei sind es die vielen kleinen Interaktionen, die gemeinsamen Erlebnisse und Erfahrungen, die ein Mitglied in und mit der Community macht, die emotionale Verbundenheit schaffen.

Natürlich gibt es Communitys, in denen sich das Individuum von Beginn an Zuhause fühlt, eben weil das Leben / die persönliche Gesichte der Mitglieder von sehr ähnlichen Erfahrungswerten geprägt ist. Aber dieser emotionale Vorschuss reicht für eine dauerhafte Bindung nicht aus.

McMillian & Chavis haben sieben wichtige Faktoren für emotionale Verbundenheit definiert.

  1. Die Kontakt Hypothese: Je häufiger Menschen miteinander interagieren, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie einander mögen und eine Bindung zueinander aufbauen.
  2. Qualität der Interaktion: Je „wertvoller“ und bedeutungsvoller die Interaktion in der Gruppe von den Mitgliedern bewertet wird, desto besser. 
  3. Abschluss von Ereignissen / Prozessen: Ziellose oder sinnlose Interaktion und Aufgaben / Prozesse ohne Abschluss stören Bindungsprozesse in der Gruppe.
  4. Hypothese der geteilten bedeutsamen Ereignisse: Je wichtiger ein Ereignis für die Gruppe ist, desto mehr stärkt das gemeinsame Erleben oder „Durchstehen“ das Gefühl emotionaler Verbundenheit.
  5. Investment: Je mehr Zeit und Energie ein Mitglied in die Community gesteckt hat, desto stärker ist die Verbundenheit
  6. Der Effekt von Ehre und Demütigung: Ein Community Mitglied, dass vor anderen Mitgliedern für etwas gelobt oder geehrt wurde, fühlt sich mehr zu dieser hingezogen. Umgekehrt fühlt ein Mitglied, dass vor der Community gedemütigt oder beleidigt wurde.
  7. Spirituelle Verbindung: McMillian & Chavis hatten selbst Schwierigkeiten diesen Faktor adäquat zu beschreiben, aber ich möchte behaupten, dass das Gefühl jeder von uns kennt. Es ist dieser Moment, wenn Sie einen Menschen kennenlernen und denken „ich kenne Dich von irgendwoher“. Eine direkte Verbundenheit, ein tiefes gegenseitiges Verständnis und ein gutes Gefühl in der Zeit, die wir mit dieser Person verbringen. Genau dieses Gefühl beschreibt eine spirituelle Verbindung.  

Fünf Tipps, für mehr emotionale Verbundenheit

  • Schaffen Sie Raum für Interaktion. Je häufiger Ihre Mitglieder die Gelegenheit haben miteinander zu interagieren, desto mehr Chancen für wachsende Verbundenheit gibt es. Interaktion können Sie ganz einfach erhöhen, indem Sie zum Beispiel regelmäßig interessante Diskussionen anstoßen, Mitglieder auf relevante Diskussionen hinweisen, Events veranstalten, Mitglieder einander vorstellen und neue Mitglieder strukturiert in die Community einführen.  
    Die Arbeit der global digital women über alle Kanäle und Veranstaltungen hinweg, sind ein gutes Beispiel für das gesamte Repertoire der Möglichkeiten.
  • Lassen Sie hitzige Diskussionen in Ihrer Community zu, aber kümmern Sie sich darum, dass diese einen wertschätzenden Abschluss finden. Insbesondere Mitglieder mit einer starken emotionalen Verbundenheit und einem hohen Invest in die Community, sorgen für die emotionalsten und damit potentiell „gefährlichsten“ Diskussionen. Nehmen Sie diese Mitglieder ernst, hören Sie zu und versuchen Sie zu vermitteln. Das schlimmste was Sie tun können ist diese Mitglieder oder die Konflikte zu ignorieren. Das untergräbt nicht nur die emotionale Verbundenheit dieser Mitglieder, sondern kann potentiell eine Community sprengen.
  • Menschen sehen sich nach Verbindung zu anderen. Ein Weg Verbindung zu schaffen ist, mehr über den anderen zu erfahren und mehr über uns preiszugeben. Sorgen Sie deswegen auch in professionellen Communitys dafür, dass es Raum für Persönlichkeit gibt. Beispiele wären der berühmt berüchtigte Off-Topic Bereich, Fragen zu denen die Community Ihre persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse einbringen können.
  • Loben Sie Mitglieder öffentlich für positive Beiträge in der Community. Achten Sie auf eine gute Tonalität in Ihrer Community, damit niemand öffentlich vorgeführt wird.
  • Fördern Sie Verbindungen in Ihrer Community. Ermöglichen Sie den Mitgliedern Ihre „Soulmates“ zu finden. Finden Sie Gelegenheiten für 1:1 Gespräche oder Unterhaltungen. Gestalten Sie die Community so, dass sich Menschen mit ähnlichen Interessen finden. Seien Sie aktiv in Ihrer Community. Unterhalten Sie sich mit Ihren Mitgliedern, finden Sie heraus wie diese „ticken“. Stellen Sie Mitglieder einander vor, die viele Gemeinsamkeiten haben.

Wenn Sie es schaffen in Ihrer Community den „Sense of Community“ zu etablieren, haben Sie als Community Manager:in die beste Basis für dauerhafte Aktivität, gesundes Wachstum und eine gute Kultur gelegt.

Dieser Beitrag ist eine Kurzversion eines Abschnitts aus dem Kapitel „Die Psychologie hinter Community Management“ aus meinem Buch „Community Manager*in„, das im Herbst im Rheinwerk Verlag erscheint.

* Was ist „Community Psychology“?
Community Psychology, in Deutschland unter dem Begriff Gemeindepsychologie geläufig,  ist eine angewandte Teildisziplin der akademischen Psychologie. Die Disziplin befasst sich mit dem Handeln und Erleben von Individuen in ihren Communitys, wohl im räumlich als auch sozial definiertem Kontext, befasst.
Gemeindepsychologie ist ein relativ junges Feld und hat sich erst Ende der 60er Jahre in den USA etabliert. Das Ziel von Community Psychology ist die Beschreibung, Vorhersage und Erklärung der komplexen Beziehungen, Einflüsse und Spannungsverhältnisse zwischen dem einzelnem Individuum und ihren jeweiligen Communitys. Die zentrale Analyseeinheit ist dabei die „Person im Kontext“.
Gegenstand der Untersuchung sind

– Communitys im Lokal-administrativen Kontext: Eine lokal beschränkte, administrative Einheit im Sinne einer Gebietskörperschaft wie zum Spiel eine Kommune oder eine Stadt.
– Sozial-relationalen Kontext: Eine soziale Gruppe, wie zum Beispiel der Kirchenchor, oder eben auch eine Online-Community

Insgesamt leistet die Community Psychology einen Beitrag zur Lösung sozialer und praktischer Probleme in Communitys. Da die Untersuchung von menschlichem Verhalten und psychologischen Wechselwirkungen im Vordergrund steht, lassen sich viele Erkenntnisse auch auf Online Communitys übertragen.


[1] Sarason, S. B. (1974). The psychological sense of community: Prospects for a community psychology. San Francisco: Jossey-Bass.

[2] Chavis, David, McMillian, David; Sense of Community: A Definition and Theory January 1986, Journal of Community Psychology 14(1):6-23 https://www.researchgate.net/publication/235356904_Sense_of_Community_A_Definition_and_Theory

[3] McMillian, David, Sense of Community 1996, Journal of Community Psychology

[4] Einen ganz wunderbaren Artikel über die Bedeutung von psychografischen Merkmalen finden Sie hier https://hbr.org/2016/03/psychographics-are-just-as-important-for-marketers-as-demographics.